Namen und Namensgebung in Bhutan

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Von Dorji Bidha, Kultur- und Trekkingguide, sowie Homestay Gastgeberin in Drukgyel, Paro. Es folgt ein persönlicher Bericht über die Traditionen der Namensgebung in Dorji Bidhas Dorf.

Wie überall auf der Welt dienen auch in Bhutan Namen als Identifikation für Personen. In meinem Dorf haben wir einige sehr einzigartige Namen, aber im Allgemeinen ändern sich diese von Generation zu Generation völlig. Zur Zeit meiner Großeltern gab es Namen wie Jaku und Jakum (ein Junge und ein Mädchen, die in einer Höhle geboren wurden), Dhotam (ein Mädchen, das auf einem flachen Felsen geboren wurde), Jayso und Jaysom (sie wurden so genannt, weil sie gleich nach der Geburt in ein drey, ein traditioneller Messbehälter, gesetzt wurden, um sie von bösen/schädlichen Einflüssen zu reinigen), und Bow, wenn jemand einen Kropf hat (solche Namen kommen erst später im Leben hinzu). Kuchu und Kuchum, Oko und Oko Dem hingegen werden diejenigen benannt, die eine ungewöhnlich hohe Stirn haben. Andere erhielten ihre Namen entsprechend der Jahreszeit, zu der sie geboren wurden. Weiters spielte eine Rolle, ob es Tag oder Nacht war, oder welches Datum und Monat (nach dem Mondkalender). Auch besondere Ereignisse während der Geburt können die Namensgebung beeinflussen, wie zum Beispiel Naturkatastrophen.

Namensgebende

In der bhutanischen Tradition werden Namen gewöhnlicherweise von religiösen Persönlichkeiten wie einem Lama, einem Mönch oder einem gesegneten Laien vergeben. Bei uns zu Hause zum Beispiel half unserer Tante, eine Nonne, meiner Großmutter bei der Namensfindung ihrer Kinder und sie besprachen sich mit einem hoch angesehenen Lama. Das Baby wird in Übereinstimmung mit seinem Geburtshoroskop benannt, daher haben die Namen auch eine spirituelle Bedeutung. Allerdings leiten sich viele Namen in unserem Dorf auch von den Lokalgottheiten ab, wie zum Beispiel Chen Tsheri, Chundu Tseri und Dolay Bidha Namen. Andere Namen wiederum basieren auf historisch-buddhistischen Persönlichkeiten oder Prinzipien, zum Beispiel Ugay Nob, der Heilige Guru Pemajurney und Nob, das „kostbare Juwel“. In ähnlicher Weise bezieht sich Tseri auf „Langlebigkeit“ und Dorji bedeutet „Zustand der Unzerstörbarkeit“.

Mütter sind wie das Universum

Bei mir zu Hause praktizieren wir allerdings immer noch die alte Tradition, dass die Mutter ihre Babys benennt. Entsprechend dem Buddhismus glauben wir, dass Mütter das Universum sind. Auch unsere Onkel mütterlicherseits (Azha) können uns einen Namen geben, da sie in Abwesenheit unserer Eltern als Mutterersatz angesehen werden.

Neue Namensgebungstraditionen

Bis etwa in die 1990er Jahre hatten die meisten Bhutaner und Bhutanerinnen nur einen einzigen Namen, ähnlich den bereits zuvor erwähnten Bokhu, Jaku, Kuchum und andere. Erst vor relativ kurzer Zeit begann man zwei Namen zu kombinieren, wie beispielsweise Chen Tseri und Dolay Bidha. Heutzutage schließlich haben die Menschen sogar oft drei Namen wie zum Beispiel Karma Sonam Dorji. Karma ist der erste Name, der geschlechtsneutral ist; Sonam, der zweite Name, gibt Aufschluss über das Geschlecht; und Dorji ist der Name des Vaters der angehängt wird.

Ermächtigung von Frauen?

Bei uns war es nie Tradition, den Namen des Ehemannes oder des Vaters an den Namen anzuhängen, aber ich sehe es plötzlich immer öfter, dass bhutanische Frauen stolz darauf sind, den Namen ihrer Ehemänner anzuhängen. Das finde ich ziemlich traurig. Für mich fühlt es sich so an, als ob sie sich erst damit über ihre Ehemänner identifizieren, das heißt nach dem Standard von jemand anderem leben und nicht nach ihrem eigenen. Dabei sollten sie doch stolz auf ihre eigenen Namen und die mächtigen, historischen Geschichten sein, die sie erzählen. Diese wären völlig ausreichend.